Die Sonderausgabe

Ein Gespräch mit Stephan Schöll, freier Grafik-Designer und Art Director.

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. jährigen Geburtstag von Celestino Piatti wurden fünf aktuelle Bestseller bei dtv neu gestaltet. Grundlage waren Originalillustrationen von Piatti, die erstmals für Buchumschläge verwendet wurden. Die Schutzumschläge wurden von Stephan Schöll, dem Art Director bei dtv, gestaltet. Stephan war so nett, uns ein paar Fragen zu dem Projekt zu beantworten.

Vielen Dank, dass du dich bereit erklärt hast, mit uns über die Sonderausgabe des dtv, die anlässlich des 100. Geburtstages von Celestino Piatti erscheinen ist, zu sprechen. Vielleicht stellt du dich zunächst kurz vor.

»Mein Name ist Stephan Schöll. Ich bin freier Grafik-Designer und Art Director seit gut 20 Jahren. Ich habe bei Meta Design angefangen in Berlin, habe dann nach einem halben Jahr dort aufgehört, weil ich einen Auftrag bekam, der es mir erlaubte, freiberuflich zu arbeiten und seit dem war ich auch nie mehr in Festanstellung. Um 1995/1996 hat mich der dtv akquiriert und dann bin ich von Berlin nach München gezogen. Seit dem arbeite ich nebst anderen Kunden für den dtv als freier Grafik-Designer.«

Woher kam die Idee einer Sonderausgabe und der Neugestaltung zum Jubiläum?

»Ich weiß gar nicht mehr, wer den Anstoß gegeben hatte. Wir wussten, dass ein 100-jähriges Geburtstagsjubiläum von Celestino Piatti anstand, zeitgleich zu unserem 60-jährigen dtv-Jubiläum und dem 50-jährigen dtv-junior-Jubiläum. Wir hatten ein paar Ideen und den Wunsch etwas Besonderes auf die Beine zustellen – was genau, das war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Genau so ging es Barbara Piatti, Tochter und Gründerin des wunderbaren Vereins „Celestino Piatti – das visuelle Erbe“. Sie hat sich an den Verlag gewandt mit der Frage, ob die alte Achse Basel–München wieder zu reaktivieren wäre – im Sinne des anstehenden 100-jährigen Jubiläums. Da sind dann im Verlag sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt worden, um dem Wunsch von Barbara Piatti nachzukommen. dtv wollte die Gelegenheit nutzen, um seinen legendären Buchgestalter und Art Director zu würdigen. Über die Verlagsvertretung konnte bereits ein positives Feedback vermeldet werden, dass der Handel positiv auf das Piatti-Jubiläum reagieren würde. Schließlich gibt es ja noch viele Buchhändlerinnen und Buchhändler, die mit der alten dtv-Optik vertraut sind und wir nach wie vor sehr schätzen.«

Wie haben du als Designer und der Verlag sich dieser Aufgabe angenähert?

»Ich bin ein Jahr, nachdem der letzte Umschlag von Piatti erschienen ist, beim Verlag eingestiegen. Nachdem immer noch 95 Prozent der Umschläge Piatti-Umschläge waren, habe ich mich noch über viele Jahre mit den schönen Umschlägen auseinandergesetzt, da ich nicht nur Umschläge gestaltet habe, sondern auch fürs Marketing und den Vertrieb die Verlagsvorschauen gestalten durfte. Somit hatte ich immer noch den Bezug zu Piatti, ohne ihn wirklich kennengelernt zu haben. Man muss sagen, dass Piatti im Verlagshaus, damals in der Friedrichstraße in Schwabing, noch sehr präsent war. Piatti hatte, wenn er zu Umschlagsbesprechungen im Verlagshaus war, gerne Skizzen (gezeichnet mit Kohlestiften) auf Wänden hinterlassen, diese sind natürlich unangetastet geblieben, und somit war er im alten Verlagshaus auch nach seiner aktiven Zeit immer präsent. Vor diesem Hintergrund hat es mir die Aufgabe erleichtert, das 100-jährige Jubiläum gemeinsam mit der dtv-Projektgruppe zu verwirklichen. Als Erstes habe ich das Jubiläumslogo/CI entwickelt, das im Look & Feel mit den weiteren Logos ›50 Jahre dtv junior‹ & ›60 Jahre dtv‹ korrespondieren musste. Danach ging es an die Auswahl und Umsetzung der Non-Book-Artikel (Papeterie). Mit bekannten und starken Motiven wurden Notizbücher, Postkarten, Taschen, Papiertüten u.v.m gestaltet. Als wir wussten, dass das alles sehr gut aussieht und funktionieren würde, stand die Frage im Raum, wie wir die Titel der Sonderausgabe gestalten wollen? Unsere Überlegungen gingen soweit, dass auch namhafte Illustratoren oder eine Ausschreibung an Kunstuniversitäten denkbar wäre.«

Das heißt, es war zu Anfang nicht mal klar, ob man in der typischen Piatti-Gestaltung mit viel Weiß und der rechtsbündigen Akzidenz-Grotesk arbeitet?

»Genau. Auch wenn dabei sicherlich sehr spannende Umschlagideen entstanden wären, würde es sich ›nur‹ um eine Interpretation von Piatti handeln. So sind wir als Projektgruppe sehr bald zu der Überzeugung gelangt, dass nur ein echter Piatti mit der einzigartigen Typogestaltung auf Weiß infrage kommt.«

Sind die Illustrationen auf den neuen Buchumschlägen Originale von Piatti?

Das Logo zum 100-jährigen Geburtstag von Celestino Piatti.

»Ja, Originale, die aber noch nie als Umschlagmotiv verwendet worden sind. Die größte Herausforderung war, Piatti treu zu bleiben und zugleich die neuen Umschläge in eine Designsprache des 21. Jahrhunderts zu überführen. Das Letzte, was wir erreichen wollten, war, das Buchhändler und Leser den Eindruck bekommen, dass sie ein Backlist angeboten bekommen! Daraufhin habe ich begonnen, behutsam grafische Elemente zu den Originalillustrationen einzufügen. Die Aufgabe lag darin, dass meine grafischen Elemente im besten Fall den Inhalt des Buches noch deutlicher kennzeichnen, um dem Gesamtkonzept eine wahrnehmbare optische Klammer zu geben, ohne die typische Sehgewohnheit eines Piatti-Umschlags zu stören.

Die Illustration für Arno Geiger »Der alte König in seinem Exil« ist ursprünglich eine Wassermann-Illustration von Piatti für ein Sternkreiszeichen gewesen. Der Wassermann trug diese markante Krone und war somit der Brückenschlag zum alten König. Ich habe in dieser Farbwelt die Wellen hinzugefügt, symbolisch für die Alzheimer-Demenz-Thematik, die in diesem besonderen Buch bewegend beschrieben wird. Das ist zum Beispiel so eine kleine Adaption gewesen. Genauso wie bei Celeste Ng mit den Punkten und kleinen Flammen, die wiederum nur gezielt zu der Fabelwesenillustration eingefügt wurden, um den Titel ›Kleine Feuer überall‹ grafisch zu unterstützen.«

Für die Gestaltung der U1 habe ich die Originalzeichnungen stark angeschnitten, gedreht und vergrößert. Um dem Leser dennoch in den optischen Genuss des Originals kommen zu lassen, ist die Idee des Poster-Schutzumschlags geboren worden. Ein weiterer Schritt, um die Sonderausgabe zu einem echten Jubiläumshighlight zu machen. Durch diese schrittweise Annäherung an die Piatti-Originale, ist es gelungen, eine Symbiose zu schaffen, die auch Barbara Piatti überzeugt hat, so wie die ganze Piatti-Familie.«

Wie ist es zu der Auswahl der Titel gekommen?

»In der Piatti-Projektgruppe waren nebst Marketing, Grafik, Presse, Vertrieb auch Cheflektor/-innen stark involviert, um eben diese Frage zu klären. Welcher Autor passt zu diesem Jubiläum? Wie lässt sich der Titel mit neuer Ausstattung verkaufen? Welchen Titel können wir für kurze Zeit in unterschiedlicher Ausstattung in den Handel bringen? Wie sehen mögliche Lizenzvereinbarungen aus. Das waren nur einige der Kriterien, die geklärt werden mussten um die fünf Titel auszuwählen. Die Auflage pro Titel war 5.000 Exemplare, davon ist z. B. Tim Marshall ›Die Macht der Geografie‹ bereits ausverkauft.«

Wie erklärt ihr euch das?

»Tim Marshall ist bereits ein Bestsellerautor, das Thema ist sehr aktuell und wir haben ein sehr starkes Eulenmotiv gewählt, das in der Buchhandlung sicherlich für Aufmerksamkeit gesorgt hat.«

Hast du mit den Originalen gearbeitet? Oder waren die Arbeiten schon digitalisiert?

»Frau Piatti hat begonnen, die Werke ihres Vaters für ihr Buchprojekt Celestino Piatti »Alles, was ich male, hat Augen« bereits zu digitalisieren. Somit hatte ich über digitale Archive und Dropbox zugriff auf die Illustrationen. Was anderes war sowieso nicht möglich, da unser Projekt, was gut ein Jahr angedauert hat, mitten in der Pandemie realisiert worden ist.«

Zum Schluss noch meine Frage, hat die Beschäftigung mit der Piatti-Historie und besonders dem Beruf des Grafikers in der Vergangenheit bei dir etwas ausgelöst im Hinblick auf unser Berufsbild? Mir ging es so, dass sich beim Lesen des Buches oft ein fast schon nostalgisches Gefühl eingestellt hat, weil sich die Arbeitswelten damals im Vergleich zu heute so sehr verändert haben.

Stephan Schöll. Art Director bei dtv und als Gestalter verantwortlich für die Neugestaltung der Piatti-Jubiläumsausgabe.
Foto: ©privat

»Ja, es zeigt mir zum Beispiel, dass die Digitalisierung und die heutige Technik kein Garant für Effektivität oder Effizienz sind. Wenn ich mir anschaue, was dieser Mann geschaffen hat ohne technische Hilfsmittel, die wir heute alle zur Verfügung haben, dann stehe ich nur da voller Bewunderung. In dieser Konsequenz, in der er sich ausgedrückt hat, das ist meines Erachtens unerreicht und die Archive in Basel sind bis zur Decke gefüllt. Der Bildband Celestino Piatti »Alles, was ich male, hat Augen« kann für jeden jungen Grafiker Inspiration und Ansporn sein, nochmal zurückzuschauen, auf die analoge Zeit. Ich glaube, den großen Vorteil, den wir jetzt haben, wenn wir ihn nutzen, ist, dass wir analog arbeiten können und es selbstständig digital der Welt zu zeigen. Piattis Illustrationen, seine Werbegrafiken, haben eine Beständigkeit und Klarheit, die heute noch bestechend sind und ihre Gültigkeit haben. Mit einfachsten (handwerklichen) Mitteln schafft er es, dich zu fesseln. Wenn ich das mit der heutigen Schnelllebigkeit von Design vergleiche, ist es wünschenswert, sich wieder auf weniger als mehr zu besinnen.«

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